Frühwarnsysteme, noch bevor Krankheit messbar wird

Der Körper besitzt zahlreiche Sensoren, die die Funktionsfähigkeit der Organe gewährleisten: dazu gehören die Sinnesorgane, die Sensoren für Muskeldehnung und -kontraktion, das Gleichgewichtsorgan und noch viele mehr, die über das Nervensystem und Gehirn verschaltet sind. Muskelsensoren melden den Endpunkt einer Muskeldehnung bevor es etwa zu einem Muskelfaserriß kommt. Wird ein Muskel durch einen Unfall zu sehr gedehnt, treten dabei Schmerzen auf, werden diese Sensoren auf eine kürzere Bewegung eingestellt. Diese Einstellung bleibt aber häufig erhalten, die Bewegung wird vor ihrem normalen Ende angehalten, es tritt eine Muskelverkürzung ein. Wird bei einem Unfall ein Gelenk geprellt und schmerzhaft, werden die Bänder und Muskeln in der Umgebung so eingestellt, daß sich das Gelenk nicht mehr bis zum Schmerzpunkt bewegt. Es entsteht ein Saugnapf-Effekt, der später als Gelenkblockade erhalten bleibt. In diesen Fällen handelt es sich so um eine Fehleinstellungen der Sensoren, die durch die Behandlung wieder „geeicht“ werden, der Körper erhält seine Bewegungsmöglichkeiten zurück.

Schmerz ist grundsätzlich etwas sinnvolles, schützt er den Körper überlastete Strukturen weiter zu belasten. Es sind aber nicht nur die akuten Beschwerden; oft findet sich ein langanhaltendes Unwohlsein als Ausdruck von Schmerz, was aber noch keine Krankheit bedeutet. Diese funktionellen Beschwerden sind weder durch Blutwerte oder bildgebende Verfahren nachweisbar, beeinflussen aber körperlich und seelisch. Ist darum unser Pferd ständig gereizt oder hat sein Temperament verloren? Läuft es deswegen auf der rechten Hand besser als auf der linken? Bemerken wir es überhaupt oder geschehen diese Veränderungen so langsam, daß sie nicht auffallen?

Der Körper besitzt eine enorme Möglichkeit solche Belastungen auszugleichen, sich anzupassen. Diese Anpassungsfähigkeit ist es auch, die Pferde auf kargen Böden Islands oder der Wüste leben läst, die enorme Lasten tragen oder harte Arbeit etwa beim Pflügen verrichten läst. Wird diese Fähigkeit aber überlastet, kann eine Krankheit entstehen. Es können erste Gewebezerstörungen und -umbildungen entwickeln. Springt deswegen mein Pferd im Parcours vor dem 5. oder 6. Hindernis zu Seite? Die Muskelwerte sind zwar leicht erhöht, es spricht aber kein Medikament an, und für einen Kreuzverschlag sind die Werte zu gering, außerdem läuft mein Pferd nicht lahm, höchstens eine leichte Schrittverkürzung? Aber was soll ich tun?

Die klassische Tiermedizin ist darauf spezialisiert diese Gewebeschäden zu orten und zu reparieren um schlimmeres zu verhüten mit einem möglichst effizienten Behandlungsstandard. Dies funktioniert sehr gut bei akuten Erkrankungen mit Entzündungen oder Infektionen. Werden sie chronisch stellen sich schon größere Probleme. Bei den oben beschriebenen funktionellen Beschwerden müssen wir Tierärzte bereits kapitulieren – sie sind mit schulmedizinischen Methoden nicht meßbar und zu orten. Bis dies aber erkannt wird, haben viele Pferde bereits eine Odyssee hinter sich.

Genau hier setzt aber die Osteopathie an, löst diese funktionellen Beschwerden und regt die Selbstheilung an. Ebenso wirkt sie unterstützend bei tiermedizinischen Behandlungen, die die gleichzeitig bestehenden osteopathischen Blockierungen nicht mitbehandeln kann. Ein Hufgeschwür führt zu einer ständigen Entlastung der betroffenen Zehe und vermehrten Belastung der anderen Beine. Wenn das Hufgeschwür behandelt wurde, bleibt oft eine Verspannung oder auch Blockierungen in den Gliedmaßen oder der Wirbelsäule zurück.

Menschen zeigen sehr unterschiedliche Wahrnehmungen für Schmerz, abhängig von Genetik, Erziehung, Umwelt und momentane Empfindung. Während wir Menschen in den reicheren Industrieländern bereits vor der Ansicht einer Nadel in Ohnmacht fallen, Schmerzen zur Qual werden, zeigen Hochleistungssportler eine bewunderbare Härte und schütten Glückshormone aus wodurch die Qual auch zur Lust werden kann. Bei Angehörigen von Naturvölkern finden wir Fähigkeiten schwere Operationen alleine durch Hypnose zu überstehen.

Bei unseren Haustieren versuchen wir allzu oft diese Maßstäbe zu übertragen. Sicherlich fühlen Pferde Schmerz weniger dramatisch als wir Menschen, auftretende Ängste vor dem Tierarzt mit der Nadel haben andere Erklärungen, aber auch hier spielt die Evolution eine Rolle in der Schmerzempfindung. Da Pferde Schmerzen über die Sprache von „Bewegung und Reaktionen“ mitteilen, kommt es oft zu Mißverständnissen zwischen Mensch und Tier. Oft wird eine Reaktion auf Grund von Schmerzen mit Bösartigkeit, Angst, schlechter Erfahrung verwechselt, oder Bewegungsunlust auf zunehmende Reife des Pferdes zurückgeführt und nicht auf einen chronischen unterschwelligen Schmerz. Darum sollte bei ansonsten nicht zu erklärenden Verhaltensstörungen auch in diese Richtung gedacht werden.

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